16. KAPITEL

 

DIE HÖHLE

 

Am Abend führte Mr. Trelawny die ganze Gesellschaft wieder in sein Arbeitszimmer. Nachdem er sich unserer Aufmerksamkeit versichert hatte, weihte er uns in seine Pläne ein:

»Ich gelangte zu dem Schluß, daß wir für die richtige Ausführung dessen, was wir unser Großes Experiment nennen wollen, absolute Ruhe und Abgeschiedenheit brauchen. Abgeschiedenheit nicht nur für ein, zwei Tage, sondern für längere Zeit, wenn nötig. Hier wäre dergleichen ganz unmöglich. Die Gepflogenheiten und Notwendigkeiten der Großstadt mit ihren vielen Möglichkeiten der Störung könnten uns beeinträchtigen. Depeschen, Einschreibebriefe, Eilboten – dies alles würde allein schon ausreichen. Aber die große Armee der Bittsteller würde die Katastrophe vollkommen machen. Zudem haben die Ereignisse der letzten Woche diesem Haus die Aufmerksamkeit der Polizei gesichert. Selbst wenn Scotland Yard oder das zuständige Polizeirevier keine speziellen Anweisungen gab, so können wir doch sicher sein, daß der Polizist auf seiner üblichen Runde ein aufmerksames Auge auf das Haus hat. Außerdem werden über kurz oder lang die Dienstboten, die Reißaus nahmen, ihre Mäuler zu wetzen beginnen. Sie müssen es tun, denn sie müssen unbedingt einen Grund für die Beendigung eines Dienstverhältnisse angeben, das, wie ich behaupten darf, in der Umgebung seinesgleichen sucht. Daraufhin werden die Dienstboten der Nachbarn zu reden beginnen, und dann vielleicht sogar die Nachbarn selbst. Sodann wird die stets aktive und aufmerksame Presse, die es sich angelegen sein läßt, die Öffentlichkeit aufzuklären und die Auflage zu steigern, die Sache in die Hand nehmen. Und wenn erst die Reporter hinter uns her sind, ist es aus mit der Ruhe. Nein, wir müssen uns Zurückgezogenheit sichern und alles Nötige mit uns nehmen. Auf all dies habe ich mich vorbereitet. Denn schon seit langem habe ich eine solche Möglichkeit vorausgesehen und mich darauf eingestellt. Natürlich wußte ich nicht im voraus, was eigentlich geschehen würde, doch ich wußte, daß etwas passieren würde. Seit zwei Jahren schon treffe ich Vorbereitungen dafür, daß alle meine hier aufbewahrten Raritäten nach Cornwall in mein dortiges Haus verlagert werden. Damals als Corbeck sich auf die Suche nach den Leuchten machte, ließ ich das alte Haus in Kyllion herrichten. Es ist mit elektrischem Licht ausgestattet, sämtliche Einrichtungen, den Strom selbst zu erzeugen, sind vorhanden. Dieses Haus liegt in völliger Abgeschiedenheit, es ist ganz unzugänglich und von außen nicht einzusehen, außer von der See aus, da es auf einem kleinen Felsvorsprung hinter einem Steilhang steht. Einst war es von einer hohen Steinmauer umgeben, denn damals, als es von einem meiner Vorfahren erbaut wurde, mußte ein großes, weitabgelegenes Haus bereit sein zur Verteidigung. Dieser Ort ist für unsere Zwecke so geeignet, als wäre er eigens dafür geschaffen worden. Ich will Ihnen an Ort und Stelle dann alles ganz genau erklären. Bis dahin wird es nicht mehr lange dauern, denn es ist alles bereits in Gang gesetzt. Ich habe Marvin verständigt, er möge für den Transport alles bereitmachen. Er wird einen Sonderzug arrangieren, der in der Nacht fährt und nicht unnötiges Aufsehen erregt. Um unser Gepäck und alles andere zum Bahnhof Paddington zu bringen, benötigen wir eine gewisse Anzahl von Karren und Wagen mit der entsprechenden Anzahl von Fuhrleuten und Trägern. Wir werden auf und davon sein, ehe die argusäugigen Presseleute es ahnen. Heute noch beginnen wir mit dem Packen, und ich behaupte, daß wir morgen abend fertig sein werden. In den Nebengebäuden habe ich alle Kisten gelagert, in denen ich die Sachen von Ägypten hierhertransportierte. Da sie für die Durchquerung der Wüste und die Fahrt auf dem Nil bis Alexandrien und weiter nach London ihren Dienst taten, bin ich zuversichtlich, daß sie es auch für die Fahrt nach Kyllion tun werden. Wir vier, werden mit Hilfe Margarets, die uns alles Benötigte zureichen wird, alles sicher einpacken. Und die Möbelpacker sollen dann alles zu den Wagen tragen.

Heute werden die Dienstboten nach Kyllion vorausfahren, damit Mrs. Grant dort alles vorbereiten kann. Sie wird einen Vorrat an Lebensmitteln mitnehmen, damit wir in der Umgebung mit unseren täglichen Einkäufen nicht unnötig auffallen. Weiter wird sie dafür sorgen, daß wir frische Lebensmittel regelmäßig von London nachgeschickt bekommen. Dank Margarets kluger und großzügiger Behandlung jener Dienstboten, die sich zum Bleiben entschlossen haben, verfügen wir über einen verläßlichen Grundstock an Personal. Die Leute wurden bereits zur Verschwiegenheit verpflichtet, so daß wir keinen Klatsch von innerhalb des Hauses fürchten müssen. Da unsere Leute wieder nach London zurückkehren, sobald in Kyllion alles bereit ist, wird es herzlich wenig zum Klatschen für sie geben, zumindest was Einzelheiten betrifft.

Da wir ohne Verzug mit dem Packen beginnen sollten, will ich alles andere vorbringen, wenn wir mehr Zeit haben.«

Und wir machten uns an die Arbeit. Unter Mr. Trelawnys Führung, unterstützt vom Personal, schafften wir die großen Packkisten aus den Nebengebäuden. Etliche davon waren von gewaltiger Massivität, aus dickem Holz gefertigt und mit Eisenbändern und Stangen, mit Schrauben und Nieten gesichert. Wir stellten sie im Haus auf, jeweils in der Nähe der Dinge, die sie aufnehmen sollten. Nach Erledigung dieser Vorarbeiten und nachdem in allen Räumen und im Vestibül Unmengen frischen Heus, Baumwollabfälle und Papier gelagert worden waren, wurden die Dienstboten fortgeschickt. Und wir machten uns an das eigentliche Einpacken.

Kein Mensch, der diese Arbeit nicht kennt, kann sich auch nur die entfernteste Vorstellung davon machen, welchen Aufwand sie erfordert. Ich für meinen Teil hatte zwar die vage Vorstellung, daß sich in Mr. Trelawnys Haus eine große Anzahl ägyptischer Gegenstände befände. Aber erst als ich sie einzeln in die Hand bekam, wurde mir klar, wie bedeutend einige davon waren, wie groß und vor allem wie zahlreich. Wir plagten uns bis spät in die Nacht hinein. Manchmal mußten wir alle unsere ganze Kraft aufbieten, wenn es um ein besonders schweres Einzelobjekt ging. Sodann ging jeder wieder seiner Einzelarbeit nach, stets jedoch unter Mr. Trelawnys direkter Anleitung. Er selbst führte mit Hilfe Margarets über jedes einzelne Stück Buch.

Erst als wir uns alle total erschöpft zu einem verspäteten Abendessen niederließen, wurden wir gewahr, daß der Großteil der Arbeit getan war. Aber nur einige der Packkisten waren schon verschlossen. Es stand uns also doch noch einiges an Plackerei bevor. Wir hatten erst jene Kisten fertig, die jeweils einen großen Sarkophag enthielten. Jene, in die mehrere Objekte verpackt waren, konnten erst endgültig geschlossen werden, wenn alles zu Buch genommen und verpackt war.

In jener Nacht schlief ich traumlos, und ohne mich zu rühren. Und am Morgen sollte ich entdecken, daß es allen anderen ebenso ergangen war.

Bis zum nächsten Abend war dann alles endgültig fertig und wartete auf die Packwagen, die um Mitternacht eintreffen sollten. Kurz vor der angesetzten Zeit vernahmen wir das Rumpeln von Wagenrädern. Hierauf erfolgte eine kurze Invasion von einer Armee von Trägern, die allein kraft ihrer Vielzahl scheinbar mühelos in einer endlosen Prozession sämtliche vorbereiteten Kisten hinausschleppten. Eine knappe Stunde reichte aus, und die Wagen rumpelten wieder davon. Wir machten uns fertig, ihnen zum Bahnhof Paddington zu folgen. Silvio war natürlich mit von der Partie.

Vor dem Aufbruch gingen wir alle noch einmal gemeinsam durchs Haus, das nun völlig leer und verlassen wirkte. Da das Personal in Cornwall war, hatte kein Mensch hinter uns aufgeräumt. Sämtliche Räumlichkeiten, in denen wir gearbeitet hatten, und dazu alle Treppen waren mit Papier und Packmaterialabfällen übersät und von schmutzigen Fußspuren verunziert.

Als letztes vor dem Aufbruch entnahm Mr. Trelawny dem Safe den Rubin mit dem Siebengestirn. Während er ihn sicher in seiner Brieftasche verwahrte, wurde Margaret, die plötzlich todmüde und blaß neben ihrem Vater gestanden hatte, schlagartig wieder lebhaft und lebendig, als hätte der Anblick des Edelsteins ihr neuen Auftrieb verliehen. Mit beifälligem Lächeln sagte sie:

»Vater, du hast recht. Heute abend wird es keine weiteren Schwierigkeiten geben. Sie wird deine Vorbereitungen nicht stören. Dafür würde ich mein Leben verwetten.«

»Sie – oder sonst irgendetwas – hat uns in der Wüste alles zunichte gemacht, als wir aus der Gruft im Tal des Magiers gekommen waren!« lautete die grimmige Bemerkung Corbecks, der danebengestanden hatte. Margaret antwortete wie aus der Pistole geschossen: »Ach was! Damals war sie in der Nähe ihres Grabes, aus dem sie Tausende von Jahren nicht bewegt worden war. Sie muß wissen, daß die Lage jetzt anders ist.«

»Woher muß sie das wissen?« fragte Corbeck begierig.

»Wenn sie den Astralleib besitzt, von dem Vater sprach, dann muß sie es wissen! Wie denn auch nicht, wenn sie über eine unsichtbare Anwesenheit verfügt und über einen Verstand, der sich frei bewegt, bis zu den Sternen und in andere Welten!«

Sie hielt inne, und ihr Vater sagte feierlich:

»Unser ganzes Vorgehen gründet sich auf dieser Annahme. Wir müssen den Mut haben, zu unserer Überzeugung zu stehen und demgemäß zu handeln – bis zum Letzten!«

Margaret faßte nach seiner Hand und hielt sie fest, versonnen vor sich hinblickend, während wir hintereinander das Haus verließen. Sie hielt seine Hand noch immer fest, als er die Haustür abschloß und wir ans Tor gingen, wo wir eine Droschke nach Paddington nahmen.

Nachdem alles verladen war, bestieg die gesamte Packer-Mannschaft den Zug. Auch die Wagen zum Transport der Sarkophage wurden verladen. Gewöhnliche Wagen und dazu ausreichend Zugpferde würden uns in Westerton, der Kyllion nächstgelegenen Bahnstation erwarten. Mr. Trelawny hatte für uns einen Schlafwagen bestellt, und wir alle suchten unsere Abteile auf, kaum daß der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte.

Auch in jener Nacht schlief ich ganz fest. Mich hatte ein Gefühl der Sicherheit erfaßt, das absolut und nicht zu übertreffen war. Margarets mit Bestimmtheit vorgetragene Behauptung »Es wird keine Schwierigkeiten mehr geben!« schien Ursache dieser Sicherheit, und ich stellte sie nicht in Frage. Die anderen übrigens auch nicht. Erst später begann ich mir darüber Gedanken zu machen, wieso sie ihrer Sache so sicher sein konnte. Der Zug kam nur langsam voran und hielt sehr häufig und für längere Zeiträume. Da Mr. Trelawny erst bei Einbruch der Dunkelheit in Westerton ankommen wollte, bestand kein Grund zur Eile. Außerdem war Vorsorge getroffen worden, daß die Packträger an bestimmten Stationen Verpflegung bekamen. Wir selbst führten unseren Proviant in einem großen Korb mit uns.

Den ganzen Nachmittag über besprachen wir das Große Experiment, das in Gedanken bereits zu einem fixen Bestandteil unserer Pläne geworden war. Mr. Trelawny steigerte sich mit der Zeit in seiner Begeisterung, und Hoffnung wurde ihm zur Gewißheit. Dr. Winchester ließ sich scheinbar davon anstecken, obgleich er hin und wieder einen wissenschaftlich begründeten Einwand machte, der die Beweiskette des anderen entweder in einer Sackgasse landen ließ oder gar als fesselnder Schock wirkte. Andererseits zeigte sich Mr. Corbeck der Theorie nicht zugeneigt. Während die Ansichten der anderen immer weitere Fortschritte machten, war die seine zum Stillstand gekommen, und die Folge war eine Haltung die negativ, wenn nicht gar völlig ablehnend schien.

Was nun Margaret betraf, so wirkte sie völlig überwältigt. Entweder war es eine neue Gefühlsphase, die sie durchmachte, oder aber sie sah die ganze Sache jetzt mit mehr Ernst als zuvor. Jedenfalls wirkte sie mehr oder weniger geistesabwesend und in Gedanken versunken. Aus diesem Zustand fuhr sie hin und wieder ruckartig auf, meist dann, wenn unsere Fahrt durch eine Besonderheit unterbrochen wurde und wir beispielsweise in einer Station anhielten oder wenn der Zug donnernd über einen Viadukt rumpelte und das Echo der uns umgebenden Hügel oder Felsen geweckt wurde. Bei diesen Gelegenheiten stürzte sie sich ins Gespräch und nahm mit einem solchen Eifer daran teil, als wolle sie beweisen, daß sie trotz ihrer Gedankenverlorenheit mit ihren Sinnen alles voll aufgenommen hatte, was um sie herum vor sich gegangen war. Mir gegenüber gab sie sich sonderbar, zuweilen sogar mit einer gewissen halb schüchternen, halb arroganten Distanz, die mir neu war. Dann wieder gab es Momente der Leidenschaft in Blick, Geste und Stimme, Augenblicke, die mich schwindlig machten vor Wonne. Ansonsten trug sich während der Fahrt wenig Bemerkenswertes zu. Nur eine Episode sorgte etwas für Beunruhigung, da wir zu der Zeit aber schliefen, waren wir nicht davon betroffen, und erfuhren erst am Morgen davon. Auf der Strecke zwischen Dawlish und Teignmouth wurde der Zug von jemandem aufgehalten, der auf dem Gleiskörper stehend warnend eine Fackel schwenkte. Der Lokomotivführer stellte nach dem Anhalten fest, daß es knapp vor dem Haltepunkt zu einem kleinen Erdrutsch gekommen war und die rote Erde der hohen Böschung sich gelockerte hatte. Die Schienen waren jedoch nicht davon betroffen und der Lokführer war weitergefahren, verärgert über die Verspätung. »Immer diese verdammte Vorsicht auf dieser Strecke!« sollte er sich angeblich geäußert haben.

Um neun Uhr abends trafen wir in Westerton ein. Wagen und Pferde standen bereit, das Ausladen der Kisten aus dem Zug wurde unverzüglich in Angriff genommen. Wir warteten gar nicht erst ab, bis alles erledigt war, da wir die Arbeit in kompetenten Händen wußten, und bestiegen die wartende Kutsche, die uns in der Dunkelheit eilends nach Kyllion brachte.

Wir alle waren beeindruckt, als das Haus im hellen Mondlicht auftauchte. Ein großer grauer Steinbau aus der jakobinischen Zeit, groß und weitläufig ragte es hoch über dem Meer am Rande einer hohen Klippe auf. Kaum hatten wir die Kurve der durch den Fels geschlagenen Straße hinter uns und waren auf das Hochplateau gelangt, auf dem das Haus stand, als wir das Tosen und Murmeln der weit unter uns gegen den Fels schlagenden Wellen vernahmen und den belebenden Hauch feuchter Seeluft spürten. Mit einem Schlag wurde uns allen wohl klar, wie gut wir auf dieser Felsplatte über dem Meer von der Außenwelt abgeschlossen waren.

Im Hause fanden wir alles bereit. Mrs. Grant und ihre Helfer hatten ganze Arbeit geleistet. Alles war hell, frisch und sauber. Nach einer kurzen Besichtigung der wichtigsten Räumlichkeiten zog sich jeder zurück, um sich nach der langen, über vierundzwanzig Stunden dauernden Reise zu waschen und umzukleiden.

Im großen, nach Süden zu gelegenen Speisezimmer, dessen Wände praktisch senkrecht über dem Meer aufragten, nahmen wir das Abendessen ein. Das Tosen der Wogen war hier gedämpft, aber unablässig zu hören. Da der kleine Felsvorsprung über die See hinausragte, war die Nordseite des Hauses frei, und die genaue Nordrichtung war keineswegs von den Felsmassen verstellt, die, sich hoch über uns auftürmend, die übrige Welt ausschlossen. Weit drüben, auf der anderen Seite der Bucht, sahen wir die zuckenden Lichter des Schlosses, und da und dort entlang der Küste ein schwaches Lichtlein aus dem Fenster einer Fischerhütte. Das Meer selbst war eine dunkelblaue Fläche, auf der hin und wieder ein Licht aufleuchtete, wenn Sternenschimmer auf den geneigten Rücken einer schwellenden Woge fiel.

Nach dem Essen begaben wir uns in den Raum, den Mr. Trelawny nahe seinem Schlafzimmer zum Arbeitszimmer bestimmt hatte. Nach dem Eintreten fiel mir als erstes ein großes Safe in Auge, das dem in seinem Londoner Zimmer befindlichen einigermaßen ähnlich sah. Mr. Trelawny holte seine Brieftasche hervor und legte sie auf den Tisch. Dabei drückte er mit der Handfläche darauf – und erbleichte. Mit zitternden Fingern öffnete er die Brieftasche und sagte:

»Der Umfang hat sich verändert. Hoffentlich ist nichts passiert!«

Wir drei Männer drängten näher heran. Margaret war die einzige, die Ruhe bewahrte. Aufrecht und stumm stand sie da, reglos wie eine Statue. In ihren Augen lag ein in die Ferne gerichteter Blick, als kümmerte es sie nicht, was um sie herum vorging, ja, als wüßte sie es gar nicht.

Mit einer verzweifelten Gebärde riß Trelawny das Kleingeldfach der Brieftasche auf, in dem er den Siebengestirn-Stein verwahrt hatte. Auf einen Stuhl sinkend, sagte er heiser:

»Mein Gott! Er ist fort. Ohne den Stein bringt das Große Experiment kein Ergebnis!«

Seine Worte schienen Margaret aus ihrer selbstvergessenen Versunkenheit zu reißen. Ein gequälter Ausdruck huschte über ihr Gesicht, doch sie hatte sich sofort wieder beruhigt, und sagte mit der Andeutung eines Lächelns:

»Vater, vielleicht hast du ihn in deinem Zimmer gelassen. Womöglich ist er dir beim Umkleiden aus der Brieftasche gerutscht.«

Ohne ein weiteres Wort liefen wir durch die offene Tür ins angrenzende Schlafzimmer. Gleich darauf sollte sich die plötzlich eintretende Stille wie eine Wolke der Angst auf uns senken.

Dort – auf dem Tisch, lag der Stein des Siebengestirns, leuchtend und glitzernd vor Lichtfunken, als schimmere jeder der sieben Zacken der sieben Sterne durch Blut hindurch!

Ängstlich warfen wir einen Blick hinter uns und sahen einander an. Margaret war nun wie wir übrigen. Sie hatte ihre statuenhafte Ruhe verloren. Ihre aus dem Inneren kommende Starre war von ihr gewichen, und sie verschränkte die Hände, so daß die Knöchel weiß hervortraten.

Wortlos nahm Mr. Trelawny den Edelstein zur Hand und lief damit ins Arbeitszimmer. So leise wie nur möglich öffnete er das Safe mit dem an seinem Gelenk befestigten Schlüssel und legte den Stein hinein. Als die schweren Türen wieder geschlossen und versperrt waren, atmete er hörbar auf.

Diese Episode, obgleich in mancherlei Hinsicht beunruhigend, versetzte uns alle wieder in unseren Normalzustand zurück. Denn seit wir London verlassen hatten, waren wir alle überreizt, aber nun ließ die innere Anspannung endlich nach. Ein weiterer Schritt in unserem merkwürdigen Unternehmen war getan. Die Veränderung war bei Margaret deutlicher sichtbar als bei uns anderen. Vielleicht rührte dies daher, daß sie eine Frau war, vielleicht war der Grund aber auch darin zu suchen, daß sie die Jüngste in unserer Runde war.

Auf jeden Fall war die Veränderung eingetreten, und ich fühlte mich glücklicher als während der langen Fahrt. Ihre Lebensfreude, ihre Zärtlichkeit, ihre Gefühlstiefe traten wieder leuchtend hervor, und wenn der Blick ihres Vaters an ihr hängenblieb, erhellte sich seine Miene.

Während wir auf das Eintreffen der Wagen warteten, führte uns Mr. Trelawny durchs Haus und erklärte uns, wo er die mitgebrachten Gegenstände unterzubringen gedächte. Nur in einem Punkte hielt er sich zurück. Er sagte uns nicht, wo die für das Große Experiment benötigten Dinge ihren Platz finden sollten. Die Kisten, in denen sie befördert wurden, sollten zunächst in der Eingangshalle bleiben.

Als wir mit unserer Besichtigung fertig waren, trafen auch schon die Wagen ein, und wir erlebten die Bewegung und Geschäftigkeit des vorigen Abends von neuem. Mr. Trelawny bezog Stellung an der massiven eisenbeschlagenen Tür und gab Anweisungen bezüglich der Plazierung jeder der großen Transport-Kisten. Jene, die zahlreiche Stücke enthielten, sollten in der anschließenden Diele ausgepackt werden.

In unglaublich kurzer Zeit war die ganze Fracht geliefert, und die Männer empfahlen sich, nachdem ihr Vorarbeiter für alle ein stattliches Trinkgeld in Empfang genommen hatte. Daraufhin begaben wir uns auf unsere Zimmer. Eine seltsame Zuversicht hatte uns alle erfaßt. Ich kann mir nicht denken, daß auch nur einer daran zweifelte, die Nacht würde ungestört vorübergehen.

Diese Zuversicht erwies sich als gerechtfertigt, denn als wir vier am Morgen wieder zusammentrafen, stellten wir fest, daß wir alle ungestört und gut geschlafen hatten.

Der Tag wurde damit zugebracht, alle Raritäten an die für sie bestimmten Plätze zu stellen – mit Ausnahme jener, die für das Große Experiment benötigt wurden. Sodann wurde alles für die Abfahrt der Dienstboten und Mrs. Grant nach London arrangiert.

Nachdem alle fort waren, und Mr. Trelawny sich vergewissert hatte, daß die Türen verschlossen waren, führte er uns ins Arbeitszimmer.

»Und jetzt werde ich ein Geheimnis enthüllen«, erklärte er, nachdem wir uns gesetzt hatten. »Doch muß ich, einem alten Versprechen folgend, jeden bitten, mir feierlich zu versprechen, es niemandem zu verraten. Seit gut dreihundert Jahren wurde dieses Versprechen von jedem eingehalten, der es gegeben, und mehr als einmal hingen Leben und Sicherheit von der Verschwiegenheit derer ab, die es versprachen. Nun bin ich es, der gegen den Buchstaben, wenn auch nicht gegen den Geist der Tradition verstößt, denn eigentlich sollte ich das Geheimnis nur den engsten Familienmitgliedern enthüllen.«

Wir alle leisteten das geforderte Versprechen. Und er fuhr fort:

»In diesem Haus gibt es ein Geheimversteck, eine Höhle unter dem Haus, von der Natur geschaffen und von den Menschen vervollkommnet. Ich will erst gar nicht behaupten, daß sie stets gesetzestreuen Zwecken diente. In unruhigen Zeiten fand dort manch ein Verfolgter Zuflucht, und hin und wieder hat sie gewiß als Versteck für Schmuggelgut gedient. Denn hier in Cornwall, hat es, wie Sie sicher wissen, immer Schmuggler gegeben. Und in diese Unternehmungen waren meist ganze Sippen verwickelt. Ein sicheres Versteck galt also nicht zu Unrecht als besonders wertvoller Besitz. Da in meiner Familie das Geheimnis immer gewahrt wurde, fühle ich mich ebenfalls daran gebunden. Später, wenn alles sich zum Guten gewendet, werde ich dir, Margaret, und Ihnen Ross, natürlich alles sagen, worauf ihr euch verpflichten müßt, euch an die Bedingungen zu halten.«

Er stand auf, und wir alle folgten seinem Beispiel. Nachdem er uns gebot, in der Vorhalle zu warten, ging er erst allein hinaus, um dann wiederzukommen und uns zu bedeuten, wir sollten ihm folgen.

In der Diele war ein ganzer Wandvorsprung beiseitegerückt. Wir blickten in eine große, schwach erhellte Öffnung und sahen den oberen Teil einer roh in den Fels gehauenen Treppe. Es mußte hier eine natürliche Lichtquelle geben, da es beileibe nicht stockfinster war. Daher folgten wir unserem Gastgeber ohne Verzug. Nach etwa vierzig oder fünfzig Stufen, in einen gewundenen Gang gehauen, erreichten wir eine große Höhle, deren hinteres Ende sich in der Dunkelheit verlor. Es war ein riesiger Raum, schwach erhellt durch einige unregelmäßige, lange Schlitze von ausgefallener Form. Offenbar handelte es sich dabei um Spalten im Fels, die man zur Tarnung der Fenster genutzt hatte. Neben jedem dieser Öffnungen hing ein Laden, der mit einem daran hängenden Seil vorgezogen werden konnte. Von weit unten herauf drang das gedämpfte Schlagen der Wogen. Mr. Trelawny verlor keine Zeit:

»Das ist der Ort, den ich als Schauplatz unseres Großen Experiments ausgesucht habe, da er mir bestens geeignet erscheint. Er erfüllt auf hunderterlei Weise die Bedingungen, von denen meines Erachtens der Erfolg abhängt. Hier sind wir so abgeschieden und einsam wie Königin Tera es in ihrer Felsgruft gewesen wäre und befinden uns zudem auch in einer Felshöhle. Zum Guten oder Schlechten, wir müssen hier ausharren und die Folgen auf uns nehmen. Ist uns Erfolg vergönnt, dann werden wir die Welt der modernen Wissenschaft mit einer Lichtflut aus der alten Welt erhellen und sämtliche Bedingungen, seien es Gedanken, Experimente oder Praktiken, ändern. Wird es ein Fehlschlag, dann wird sogar das Wissen um unseren Versuch mit uns untergehen. Darauf und alles andere, was kommen mag, sind wir, wie ich meine, vorbereitet!«

In der nun eintretenden Pause sagte niemand ein Wort, wir nickten stumm unser Einverständnis. Er fuhr nun mit einem gewissen Zögern fort:

»Noch ist es nicht zu spät! Sollte einer unter Ihnen Zweifel oder Befürchtungen haben, so soll er sie um Gottes willen äußern! Wer es auch sein mag, er kann ungehindert gehen. Wir, die wir übrigbleiben, gehen unseren Weg allein!«

Wieder machte er eine Pause und sah uns reihum eindringlich an. Wir blickten einander fragend an. Keiner hatte den Mut sinken lassen. Hätte ich für meinen Teil Zweifel gehabt, so hätte ein einziger Blick in Margarets Gesicht mir wieder Sicherheit gegeben. Es war frei von Furcht, es war voller Leben, es war von göttlicher Gelassenheit.

Mr. Trelawny holte tief Luft und fuhr in lebhafterem und auch entschiedenerem Ton fort:

»Da wir nun alle eines Sinnes sind, bringen wir am besten die ganze Sache so bald als möglich in Fluß. Lassen Sie mich Ihnen erklären, daß diese Höhle wie das ganze Haus über elektrische Beleuchtung verfügt. Um keinen Verdacht zu erregen, haben wir die Höhle nicht an die Hauptleitung angeschlossen, aber ich habe hier ein Kabel, das wir in der Halle anschließen und damit den Kreis schließen können!«

Er ging die Treppe hoch und holte ein Kabelende vom Eingang her. Dieses zog er mit und steckte es in einen Wandstecker. Sodann drehte er einen Schalter, und die ganze Höhle samt der Treppe wurde mit Licht überflutet. Nun konnte man sehen, daß das Loch neben der Treppe direkt in die Höhle führte. Darüber war ein Flaschenzug mit verschiedenen Gewichtseinstellungen angebracht.

Mr. Trelawny, der meinem Blick gefolgt war und meine Gedanken richtig deutete, sagte:

»Ja, der ist neu. Ich habe ihn selbst angebracht, da ich wußte, wir würden Dinge von größerem Gewicht hinunterlassen. Und da ich nicht zu viele ins Vertrauen ziehen wollte, fertigte ich einen Flaschenzug an, den ich nötigenfalls allein bedienen konnte.«

Wir machten uns unverzüglich an die Arbeit. Und noch ehe es dunkel geworden war, hatten wir die großen Sarkophage und alle Altertümer hinuntergeschafft und genau dort aufgestellt, wo Mr. Trelawny es wünschte.

Ein sonderbarer, ja unheimlicher Vorgang war es, diese herrlichen Denkmäler einer vergangenen Epoche hier in dieser grünen Höhle aufzustellen, die in ihrer Anlage, ihrem Zweck mit ihrem modernen Einrichtungen und dem elektrischen Licht sowohl die alte als auch die neue Welt darstellte. Doch mit der Zeit erkannte ich immer mehr die Klugheit und Richtigkeit der Wahl des Ortes. Ich war höchst beunruhigt, als Silvio, der in den Armen seiner Herrin in die Höhle gelangt war und nun auf meinem Mantel, den ich abgelegt hatte, schlief, aufsprang, als die Katzenmumie ausgepackt wurde. Er stürzte sich mit derselben Wildheit auf sie, die er jüngst auch gezeigt hatte. Dieser Vorfall zeigte Margaret in einer neuen Phase, einer Phase, die mir einen Stich ins Herz versetzte. Sie hatte ganz still, auf einen Sarkophag gestützt, dagestanden, in einer jener Zustände von Geistesabwesenheit befangen, die sie in jüngster Zeit öfter heimsuchten. Doch als sie das Geräusch hörte und Silvios heftigen Angriff sah, war es, als bekäme sie einen richtigen Wutanfall. Ihre Augen blitzten, um ihren Mund legte sich ein harter grausamer Zug der Anspannung, der mir neu war. Instinktiv trat sie auf Silvio zu, wie um ihn in seinem Angriff zu hindern. Aber auch ich war vorgesprungen, und als sie meinen Blick auffing, überfiel sie ein sonderbarer Krampf, und sie hielt inne. Die Heftigkeit dieses Krampfes ließ mich den Atem anhalten, und ich fuhr mir mit der Hand über die Augen. Doch sie hatte indessen ihre Ruhe wiedergewonnen, und ihre Miene drückte Verwunderung aus. Mit ihrer gewohnten Anmut und dem ihr eigenen Liebreiz lief sie hin und hob Silvio hoch, wie sie es immer getan hatte, hielt ihn in den Armen, liebkoste ihn und ging so mit ihm um wie mit einem kleinen Kind, das unartig gewesen war.

Beim Hinsehen wurde ich von sonderbarer Angst erfaßt. Die Margaret, die ich kannte, schien sich zu verändern, und in meinem tiefsten Herzen betete ich darum, daß diese höchst beunruhigende Sache bald zu einem Ende kommen möge. Ich ersehnte ein erfolgreiches Ende unseres schrecklichen Experimentes herbei.

Nachdem alles in der Höhle nach Mr. Trelawnys Wünschen angeordnet war, wandte er sich uns zu, der Reihe nach, bis er unser aller Aufmerksamkeit auf sich konzentriert hatte. Nun sagte er:

»Nun ist alles bereit und an Ort und Stelle. Jetzt heißtes nur noch, die richtige Zeit für den Beginn abzuwarten.«

Dr. Winchester war der erste, der nach einer kleinen Pause das Wort ergriff:

»Und was ist die richtige Zeit? Können Sie sie ungefähr abschätzen, auch wenn Sie keinen genauen Tag angeben können?«

Die Antwort kam ohne Zögern: »Nach langem und gründlichem Nachdenken habe ich den 31. Juli festgesetzt!«

»Darf ich fragen, warum ausgerechnet dieses Datum?«

Die Antwort kam langsam:

»Königin Tera ließ sich in großem Ausmaß von der Mystik leiten, und es existieren so zahlreiche Beweise, daß sie auf eine Wiederauferstehung hoffte, so daß der Gedanke naheliegt, sie würde sich eine Periode aussuchen, die unter der Herrschaft einer für diesen Zweck geeigneten Gottheit steht. Nun wurde der vierte Monat der Überschwemmungszeit von Harmachis regiert, was der Name des Sonnengottes Ra bei seinem morgendlichen Aufgehen ist und daher für das Erwachen oder Auferstehen steht. Dieses Aufgehen ist mit dem leiblichen Leben eng verknüpft, da es der Mittelpunkt des menschlichen täglichen Lebens darstellt. Da dieser Monat an unserem 25. Juli beginnt, ist der siebente Monatstag der 31. Juli, denn Sie können versichert sein, daß die mystikbesessene Königin keinen beliebigen Tag, sondern den siebenten oder ein Vielfaches der Sieben wählte. Sicher haben Sie sich gefragt, warum wir unsere Vorbereitungen so zielbewußt trafen. Jetzt kennen Sie den Grund dafür! Wir müssen in jeder Hinsicht gerüstet sein, wenn der Zeitpunkt kommt. Andererseits hat es keinen Sinn, wenn man nutzlos herumsitzt und tagelang wartet.«

Und so erwarteten wir den 31. Juli, den übernächsten Tag, an dem das Große Experiment stattfinden sollte.

 

Die sieben Finger des Todes
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